Der Fluss


Von weiten Ufern sanft getragen
fließt der Fluss voll Kraft und Leben.
Dem großen Meer gilt alles Streben,
im Gleichklang schaukeln ruhig die Wellen.
Frühlingsluft streut deren Weise
ungezählt ins zarte Grün der frischen Matten.
Mandelblüten fallen flink und leise
auf's kühne Nass, zieh'n ihre Kreise,
um sofort wieder zu entschweben,
mit tausend bunten Sonnenstrahlen,
die die Sehnsucht nach dem Rot der Früchte
tief in des Flusses Herzen malen.

  Von breiten Dämmen fest gehalten
zwängt sich der Fluss in fester Bahn.
Das große Meer, es schimmert schon am Horizont
und auch am Mühlrad hat die Welle schon gedreht
durchflutet mit dem Kanon ihrer Reigen,
ungetrübt das satte Gelb der reifen Ähren.
Beständig fallen Äpfel, Birnen, Feigen
von starken Ästen, die sich über's Wasser neigen.
Mögen stromab die finstern Berge nah'n
eng verbaut mit wilden Wehren!
Wer kann vereintes Wasser spalten?
Ungebändigt drängt es hin zu neuen Sphären.

  In schroffen Schluchten ganz gefangen
stürzt der Fluss ins tiefe Tal.
Das große Meer erlischt in Gischt und wildem Wallen,
bunte Blätter treiben hilflos mit den Wellen.
Zum Schrei erstarrt sind deren Lieder
unerhört. Wo ist unten wo ist oben?
Schwall um Schwall stürzt immer wieder
in schweren Brechern auf sie nieder.
Überschäumend schlägt man mal zu mal
dagegen, sperrt sich wider das Zerstoben,
ist im Widersteh'n und Bangen
selbst ein Teil vom Toben.

  Vom festen Felsen tief zerschnitten
folgt der Fluss entzweit jetzt seinem Lauf.
Das große Meer wirkt fremd im dichten Nebel
treiben Schollen ziellos mit den Wellen.
Deren Lied blieb in den kalten Wiesen
erfror'n. Wie hart ist oft die weiße Welt?
Stund um Stund verblasst des andern Fließen,
Dunkelheit will diesen Tag beschließen.
Im letzen warmen Sonnenstrahl stromauf
ein Hirt am Ufer seine Schafe lehrt.
Werden jene, die ihn hören, glauben,
dass die Nacht nicht ewig währt?

29.10.2005    



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© WolfgangJohannesWelk ( wjw@reimquelle.de )

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