Prolog: Geistliche Übungen


Folgender Gedichtzyklus ist im Rahmen einer intensiven Beschäftigung mit den "Geistlichen Übungen" (Exerzitien) nach Ignatius von Loyola in den Jahren 2015-2018 entstanden.
Nachfolgend führe ich einige Erläuterungen an, um den Kontext der Gedichte besser einordnen zu können.

 
Hinführung

  Der Blick des Ignatius auf den Menschen ist ein ganzheitlicher.
Er sieht den Menschen nicht losgelöst von Gott, sondern eng mit ihm verwoben. Der Mensch lebt und in- und von Gott. Von seiner Gegenwart ist alles durchdrungen. Von daher will Ignatius Gott sowohl im Menschen selbst, als auch in allen Dingen finden.

  Die Gottesferne besteht nicht in einer räumlichen oder zeitlichen Distanz, sondern in einer beständigen inneren Abkehr, aus einem der Wahrheit entfremdeten Streben nach Glück ohne Rücksichtnahme auf ein substantielles Du.
Aus diesem ichverhafteten Wesen soll der Mensch befreit und zurück in die Einheit mit Gott geführt werden. Christus ist ihm dabei Anfang, Weg und das Ziel. Dieser schenkt sich in und durch die Schöpfung und bewahrt diese so lange für die Seele, bis aus jeder fluchenden Abkehr eine suchende Hinwendung und somit eine Heimkehr in's "Vaterhaus Gottes" geworden ist und sich im wahrsten Sinne des Wortes Heil ereignet hat.
Ziel aller geistlichen Übung ist es daher, wieder gesund zu werden und zwar in einem ganzheitlichen Sinn an Seele, Geist und Leib.

  Freilich ist dem Menschen sein wahrer Zustand selten bewußt.
Das war auch bei Ignatius so:
1491 als Sohn einer spanischen Adelsfamilie geboren führt er ein weltliches orientiertes Dasein. Sein Leben ist geprägt vom Heldenepos und vom Kampf. In einer Schlacht gegen die Franzosen wird er schwer verletzt und erlebt seine Bekehrung auf dem Krankenlager 1522. In seiner Sehnsucht, Christus zu dienen, erlebt er ein ständiges auf und ab, bis dahin, dass er sich für seine Ansichten vor der Inquisition verantworten muss. Doch er bleibt treu und gründet 1539 mit weiteren Gefährten die "Gesellschaft Jesus". 1540 wird die "Societas Jesu" von Papst Paul III. offiziell genehmigt. 1556 stirbt Ignatius in Rom als Ordensoberst der Jesuiten.
Die lateinische Ausgabe der "Geistlichen Übungen" erscheint dabei bereits 1548. Viele Kommentare orientieren sich heute am spanischen Urtext, dem sog. "Autograph", der 1615 erstmals in Rom erschienen ist und der eigenhändige Anmerkungen von Ignatius enthält.

 
Exerzitien: Ziel

  Ignatius will, dass alle Menschen den "Willen Gottes" erkennen und die Wiederherstellung ihrer seelisch-geistigen Gesundheit erlangen.
Sie sollen mit ihrem ganzen Leben zurückfinden in die verloren gegangene Einheit mit Gott. Dies ist Sinn und Zweck der "Geistlichen Übungen".
Der "Wille Gottes" ist dabei nicht etwas Abstraktes, vom Menschen und seiner aktuellen Situation Losgelöstes, sondern er entspringt dem Augenblick, in dem nach ihm gefragt wird, und führt den Fragenden wie ein Quell aus seiner Ichbezogenheit, aus seiner Selbstentfremdung heraus und am Ende hinein in eine befreiende Selbstlosigkeit.

  Das Schöne bei Ignatius ist, dass dies ohne religiöse Druck geschehen kann.
Es geht ihm nicht um ein Aufoktroyieren von Glaubenswahrheiten oder eine Anhäufung von Wissen über den Glauben – im Gegenteil:
"Nicht das Vielwissen sättigt die Seele und gibt ihr Befriedigung, sondern das innere Schauen und Verkosten der Dinge..."(Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen)

  Ignatius führt den Gott-Suchenden in die Selbstreflektion,
in die Achtsamkeit gegenüber sich selbst und seiner Umwelt. Dabei ist ihm die Individualität des Einzelnen, seine spezielle innere Beschaffenheit wichtig. Diese soll und darf nicht übergangen werden. Ist sie doch gerade der Ansatz- und Startpunkt von dem aus der Übende die "Reise zurück" antreten kann. Und noch etwas ist Ignatius wichtig:
"Wahre die Freiheit des Geistes überall und vor wem auch immer. Scheue niemanden, sondern behalte die Freiheit des Geistes gegenüber dem, was Dir entgegengesetzt ist. Verliere sie um keines Hindernisses willen. Gib sie niemals auf."(Ignatius von Loyola)

  Von daher ist Ignatius heute immer noch aktuell.
Bei aller Offenheit für die Welt und den Mitmenschen bleibt Ignatius im Persönlichen radikal christusorientiert. An Christus führt bei Ihm kein Weg vorbei. Er hält es mit Johannes, der im Prolog seines Evangeliums sagt:
"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort..." (Johannes-Evangelium, Kap. 1)

  Christus, der fleischgewordene "Logos" Gottes, ist dabei nicht nur als Wort, Sinn, Lehre usw. sondern letztlich auch als die uns durch- und umgebende "physikalische Wirklichkeit" zu verstehen.
"Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen." (Pater Alfred Delp)

  Ignatius rechnet also mit einer permanent gegenwärtigen, göttlichen Transzendenz, die man in einer inneren Schau erahnen bzw. erspüren kann. Aber auch von außen tritt sie im Verborgenen in Welt gehüllt an uns heran. Um in diese Sichtweise hineinzufinden und seinen Blick dafür zu schärfen, sind seine Übungen (Exerzitien) ein wertvoller Wegweiser.
Ignatius liefert das Werkzeug und dieses ist in vielen Punkten kompatibel mit den Erkenntnissen der heutigen Anthropologie.
Beispielsweise hat mich die Arbeit mit den eigenen Teilpersönlichkeiten sehr gefördert. Die Arbeit mit solchen Ego-States gewinnt in der modernen Psychotherapie zunehmend an Bedeutung. Ignatius bringt mit seiner "Unterscheidung der Geister" einen kompatiblen Ansatz, in dem sich die Arbeit mit Teilpersönlichkeiten sehr gut integrieren lässt.
Auch der in den Übungen immer wieder reflektierte, konstruktive Umgang Zorn, Aggression, Verdammnisgefühlen usw. ist eine große Hilfe.

  Ignatius besteht darauf, dass der Weg hin zu Gott an der Person selbst, an deren Gefüge, nicht vorbeigehen kann. Was sich da in den Tiefen der Seele abspielt, ist immens wichtig für den Heilungsprozess. Dort findet es ja gerade statt, all unser Halten, Spalten, Selbstverwalten und erkalten.
So empfiehlt er genau hinzusehen, welche Bewegungen sich sich dort im Seelengrund abspielen und diese ernst zu nehmen. Seine Art der Kontemplation und sein Umgang mit der Heiligen Schrift sind wertvolles Hilfsmittel, um diesen Bewegungen der Seele auf die Spur zu kommen. Sie gleichen einer Taschenlampe, mit der man in einen dunklen Keller schaut und plötzlich erkennt, welche Gestalten dort ihr Unwesen treiben.
Ziel ist, wie schon erwähnt, die Wiederherstellung der Integrität der Person. Diese ist die Voraussetzung, um in einer gesunden Weise das eigene Ich in's Du hin zu übersteigen. Letzteres ist nichts anderes als ein zentraler Aspekt von Liebe und Fokus der Exerzitien, ganz im Trend von Gottes Willen liegend :-).

 
Exerzitien: Prinzip und Fundament

  Ignatius strukturiert seine "Übungen" in vier Phasen.
Diese bauen aufeinander auf und entsprechen bzw. repräsentieren im Grunde die unterschiedlichen "Beziehungsstadien" des Menschen zu Gott.
Dabei setzt Ignatius voraus, dass ein Mensch, der Willens ist sich auf die Übungen einzulassen, entschlossen ist, seinen Weg mit Christus zu gehen und ihm nachzufolgen.
Daher stellt er den eigentlichen Exerzitien eine Art Einleitung voran. In dieser, genannt "Prinzip und Fundament"
wird der Weg der Exerzitien skizziert und die Frage gestellt, ob der Exerzitant bereit ist, diesen Weg mit allen Konsequenzen zu gehen. Schon hier können sich die Geister scheiden. Sagt er darin doch: "Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott unseren Herrn zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und ihm zu dienen."
Gerade in der heutigen Zeit sind solche Sätze schwer nachzuvollziehen. Falsch verstanden lassen sich damit Kreuzzüge genauso rechtfertigen wie ein gewaltorientierter Tschihad.
Um so wichtiger ist es, das Gesagte in die Sprache der heutigen Zeit zu übersetzen und entsprechend zu deuten, im Licht der Liebe.
Im Kern jedoch bleibt die Aussage zeitlos. Es geht am Ende nicht um einen selbst, sondern das "Alldu", um Gott. Seine Bestimmung hat der Mensch nicht aus sich selbst, sondern er ist auf etwas Größeres als auf sein Selbst hin gerichtet. Nur in diesem sich selbst Überschreitenden findet sich letztendliche Erfüllung und Sinn.
Bis dahin müssen bzw. dürfen wir alle kommen – Ignatius kann uns hierbei Ratgeber und Vorreiter sein.
Ist diese erste Hürde genommen, beginnt man mit der "Ersten Woche". Ignatius teilt – wie bereits erwähnt – die Exerzitien in vier Abschnitte. Die großen Exerzitien beanspruchen ein ganzes Monat. Jeder Jesuit sollte sie mindestens zweimal im Leben durchführen – so die Empfehlung von Ignatius.
Von uns "Normalverbrauchern" werden die Inhalte der jeweiligen Wochen komprimiert und oft verteilt auf verlängerte Wochenenden oder auch im Alltag durchexerziert.

 
Exerzitien: Umkehrphase (1.Woche)

  In dieser Phase soll die barmherzige Liebe Gottes und seine Güte entdeckt und angenommen werden.
In diesem Schritt geht es darum, die eigene Verstrickung in die "Sünde" zu erkennen und ebenfalls anzunehmen, um sich anschließend davon "losschmerzen" zu können. Insbesondere geht es darum, wo ich Opfer der Sünde geworden bin durch unerlöste Agitation, durch unreflektiertes oder bewußtes Sich-Vergehen in Wort und Tat.
Dabei sollte man den Blick nicht von sich wenden, sondern tiefer schauen und sein eigenes Denken und Handeln durchleuchten. An welchen Stellen wird man zum Täter? Welche Absichten stehen hinter dem eigenen Denken und Handeln? Worauf ist der Sinn gerichtet?
Um dies zu erkennen, soll man Christus wie einen Spiegel in seinen Seelenraum hineinhalten, ihn hineinleuchten lassen durch sein Wort und sein Beispiel und damit die Gegenwärtigkeit Gottes mit ihrem unverbrüchlichem Licht erfahren.
Um all dies zu erreichen, schlägt Ignatius ein Bündel von Betrachtungen und Meditationen vor, die schrittweise vom Allgemeinen in das Besondere eines Menschen führen. So kann dieser zum einen erkennen, wer er in der Wirklichkeit ist und wie überaus selbstlos und vielfältig die liebende Hinwendung Gottes an die menschliche Seele ist.

 
Exerzitien: Hauptphase (2.Woche)

  Während sich in der ersten Woche alles um das Wahrhaben-Können und Wahrhaben-Wollen des eigenen Seins und Gottes Reaktion darauf dreht, geht man in der zweiten Woche einen entscheidenden Schritt weiter.
Christus soll mit hineingenommen werden in das eigentlich menschliche Wesen und "in ihm Gestalt gewinnen" (vgl. Gal. 4,19), damit Erlösung endlich im inneren ankommt und Wirklichkeit werden kann.
In speziell dafür ausgesuchten Betrachtungen soll der Übende seinen Ruf und seine Bestimmung in Christus erkennen und sich für mehr (magis) Gott in seinem Leben entscheiden bzw. dieses als unverdientes Geschenk er- und begreifen lernen. Auch hier ist die "Unterscheidung der Geister" wichtig. Was treibt mich an, was motiviert mich? Bringe ich mich selbst vielleicht sogar in eine Art "Geistlichen Leistungsdruck?!" Welchen "Ungeordneten Anhänglichkeiten" hänge ich an, wie und wo hindern sie mich daran zu dem/der zu werden, der/die ich von Gott her bin?

 
Exerzitien: Vertiefungsphase (3.Woche)

  Die in der Hauptphase getroffenen Entscheidung basieren im Wesentlichen auf dem bis dahin Erlebten.
In der 3. Phase soll das bisherige vertieft und im Lichte des Leidens Christi "geläutert" werden. Von daher sind Betrachtungen angesetzt, die das Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth in den Mittelpunkt stellen. Noch einmal wird der Wesenskern des Selbstopfers Christi freigelegt und meditiert: Nicht Gott bedarf eines Opfers um in seinem Zorn beschwichtigt zu werden, sondern der Mensch bedarf eines Gottesopfers um aus seiner Gottferne "abgeholt" und daraus am Ende befreit zu werden. Gott begibt sich in sich selbst, in Christus, in die Gottferne, um sein entfremdetes Geschöpf zu erreichen, in Raum und Zeit.
Von daher ist auch der Umgang mit Leid und Negativerfahrungen, bis hin zum Scheitern, Gegenstand dieser Phase. Hingabe und Aushalten trotz Wüste, Krankheit und Tod sollen eingeübt und im Blick auf das Sterben des Christus Sinn und Substanz erhalten.

 
Exerzitien: Vollendungsphase (4.Woche)

  Nicht das bloße Durchstehen oder Ertragen von Leid ist das Ziel, sondern die "Liebe zu erlangen" – wie Ignatius sagt.
Leid und Leblosigkeit hat am Ende nicht das letzte Wort. Dieses findet nirgendwo mehr Widerhall als in der Auferstehung Christi, also an Ostern. Die biblischen Ereignisse rund um Ostern stehen damit auch im Zentrum der 4. Woche der ignatianischen Übungen.
Freude, Trost, himmlischer Jubel, göttliche Nähe sind die Gegenstände, auf die sich der Geist des Übenden nun vermehrt richtet. Motivation und Kraft sollen gewonnen werden, damit "die Liebe mehr in die Werke als in die Worte gelegt wird" (Ignatius).

 
Exerzitien: Schlussbemerkung

  Wie oben bereits angedeutet sind die von Ignatius beschriebenen Phasen nicht als einmalige, linear aufeinander folgende Ereignisse zu verstehen, sondern als ein sich prozesshaft wiederholender Vorgang.
Oft durch eine aktuelle Lebenssituation wieder hervorgeholt muss jede dieser Phasen im Laufe des Lebens zyklisch immer wieder neu erfahren und durchbetet werden, um im Menschen an Tiefe zu gewinnen zu können. So gelebt bleiben sie ein ganzheitlich geführter Dialog mit Gott, der seine umgestaltende Wirkung nicht verfehlen wird.

25.11.2007  ↑    



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