Turbulenzen


Turbulenzen bringen mich
seit jeher schon an meine Grenzen.
Sie führen mich aus meiner engen Welt
in ein weites Strömungsfeld.
Viele mag das wohl verwirren.
Ich lass mich davon nicht beirren.
Denn ihr Strömen, ach ihr Wallen,
will mir immer neu gefallen.

  Seht doch hin, sie sind wie ich,
wie sie schwingen, wie sie walten,
sich an keine Regeln halten,
sich aus dem nichts, aus alter Form,
immer wieder neu gestalten.
Ich find's enorm.
Wie soll man da nicht diesem tollen Treiben
stetig auf den Spuren bleiben?

  Das, was alle nur als Zufall kennen,
kann ich mit Form und Zahl benennen.
Ach, wie wird mir's warm ums Herz,
wenn die Fluide richtig rauschen,
sich ständig hin und her und her und hin,
sich in Raum und Zeit vertauschen,
bis ich richtig schwindlig bin.

  Auch Plasma kann ich sehr gut leiden,
es zu spenden aber, ließ sich stets vermeiden.
Wie oft hab ich es hingezerrt,
mit Geistesblitzen abgeleitet,
mit E und H es eingesperrt,
mit Integralen vor mir ausgebreitet.
Doch immer wieder ist es unverdrossen
durch alle Felder durchgeschossen.
Dies hat mich aber nie gestört,
im Gegenteil, mich hat's betört,
mich motiviert, die Grenzen zu erweitern.
Bevor man siegt, darf man auch scheitern.

  Überdies sind mir die Turbulenzen
von Jugendbeinen auf bekannt.
Beispielsweise Schule schwänzen,
fand kein Lehrer amüßant.
Nein, nein, nicht, dass man mich darob schlug,
ich wurde nur im Klassenzimmer arretiert.
Doch, ein Fenster war nicht dicht genug,
dadurch bin ich diffundiert.

  Später dann in Liebesdingen
herrschte freilich Tohuwabohu.
Die schiere Vielfalt wollt' mich fast verschlingen,
mein Strömungsrohr gab keine Ruh'.
Ja, soviel inn're Energie
hatte ich bis dato nie.
Trotzdem blieb alles nur beim laminaren Fluss,
zu linear war jede weibliche Sequenz.
Das machte mir sehr viel Verdruss,
ich suchte nach der vollen Turbulenz.

  Sandra hieß der Hurrikan,
der in mir dann das Chaos pur entfachte.
Ich sagte nur noch: "Yes I can!",
als sie in meinem Herz erwachte.
Immer schneller sog ihr Strudel –
ach wie war ich irritiert.
Ich kam wir vor wie eine Nudel,
die im Magen dissipiert.
Ich sagte ihr: "Wir werden uns perfekt ergänzen.
Sei du der Ruhepol in allen meinen Turbulenzen!"
So entsprang aus einer kleinen Eskapade
eine wahre Energiekaskade.

  Inzwischen sind wir selbstverähnelt,
kein Strömungsabriss hat uns je entzweit.
Selbst wenn im Strömen finst'res wähnelt,
gibt uns ein Gnadenstrom Geleit.

  Was soll ich weiter sagen?
Die Turbulenz wohnt inhärent
dem Wesen aller Dinge inne.
Ein Unding wär's, darüber nur zu klagen.
Vielmehr sollte man gespannt auf die Gewinne
neue Konvektionen wagen.

  Turbulenzen haben nun mal die Tendenzen
unser Dasein zu entgrenzen.
Trotzdem strömt und wirbelt alles Werden hin
im auf und ab, im mein und sein,
in seinen jeweils höh'ren Sinn.
Dies schließt auch ein,
dass ich von Anfang an
ein Teil des Chaos bin,
doch niemals unbestimmt,
noch niemals ungeliebt.

10.11.2014    



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© WolfgangJohannesWelk ( wjw@reimquelle.de )

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