Die Bürgschaft


Zu Schinzei, dem Giganten, schlich
Engei, den Tennisschläger im Gewande.
Doch der sah ihn am Sportplatz, am Rande.
"Was wolltest du mit dem Schläger? Sprich!"
entgegnet ihm finster der Wüterich.
"Dich im Tennis schlagen vor neun!"
"Das wirst du im Tiebreak bereuen."

  "Ich bin", spricht jener, "nicht zum Verlieren bereit.
Es geht dabei um mein Leben.
Doch ich will Gnade dir geben.
Ich gebe dir drei Stunden Zeit,
bis ich meinen Schweinehund geschunden hab' heut'.
Ich lass' dir den Obersteiner hier ohne Zagen.
Ihn vermagst du vielleicht in zwei Sätzen zu schlagen."

  Da lächelt der Schinzei mit arger List
und spricht nach kurzem Bedenken:
"Die drei Stunden kannst du dir schenken.
Aber sei's drum, wenn sie verstrichen die Frist,
eh' du zurück am Tennisplatz bist,
so wird der Toni vernichtend geschlagen.
Du aber brauchst nach einer Revanche nie wieder zu fragen."

  Und er kommt zum Freunde: "Der Schinzei gebeut,
daß er mir nie wieder im Leben
will eine Revanche mir geben.
Ich gönn' ihm jetzt noch drei Stunden Zeit,
bis mein Sauhund hört des Zwölf Uhr Geläut.
Bring' den Schinzei mit dummen Sprüchen bis an den Rand!
Und bis ich wieder komm, mach' mir am Court ja keine Schand'!"

  Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
und liefert sich aus dem Tyrannen.
Der andere radelt wie ein Irrer von dannen.
Und ehe die Sonne im Mittagslicht scheint,
hat er den inneren Sauhund schon dreimal verneint.
Er eilt weiter mit trockener Kehle.
Egal, Hauptsache ist, dass er sich quäle.

  Ihm strömt der Schweiß unendlich herab
aus allen Poren und Quellen.
Die Schenkel und Waden schwellen.
Da spannt sich über der Straße ein Draht wie ein Stab.
Es reißt ihn vornüber vom Fahrrad hinab.
Schreiend kommt er geflogen
und landet im krachenden Bogen.

  Trostlos liegt er am Straßenrand.
Wie wild er da spähet und blicket
und wie weit er die Stimme, die fluchende, schicket.
"Welcher Depp spannt einen Draht vor meinen Reifen?
Wenn er da wär', dem würd' ich was pfeifen.
Warum passiert mir solch ein Mist?
Steh auf, du bist Polizist!"

  Denkt er bei sich und greint und fleht
die Hände schon wieder zum Lenker erhoben.
Wäre da nur nicht des Ischias Toben.
Ihm brennen die Wunden als er wieder steht.
Er schiebt ein paar Meter, bis es wieder geht.
"Ich werd' mein Ziel noch erreichen
und fahr' ich auch über Leichen."

  Er beißt die Zähne zusammen mit wachsender Wut.
Und Kilometer auf Kilometer zerrinnet.
Er spürt wie die Zeit ihm entrinnet.
Es treibt ihn der Durst, da fasst er sich Mut.
Er kauft sich ein Bier und stürzet in sich hinein die brausende Flut,
hält die Mass mit geschwollenen Armen.
Der Durst vergeht. Gott hat Erbarmen.

  Und er fährt weiter und eilet fort
und danket dem rettenden Gotte.
Da stürzet hervor die braungrüne Rotte
hinter dem Schild nach dem geschlossenen Ort,
den Pfad ihm sperrend und schnaubet: "Sofort
steigen sie ab! Sie fahren zu Schnelle
und drohen mit geschwungener Kelle.

  "Was wollt ihr?" ruft er vor Schrecken bleich.
"Ich hab' für so was jetzt überhaupt keine Zeit
Zum Sportplatz ist's noch wahnsinnig weit."
Und entreißt die Kelle dem nächsten gleich:
"Ich bin's, euer Chef, und das sag' euch!
Ich werde den Urlaub euch streichen,
lasst ihr mich nicht sofort entweichen."

  Und glühend brennt schon der Sonnenbrand.
Und von der unendlichen Mühe
ermattet sinken die Knie.
"Oh, hast du mich gnädig errettet aus Kollegenhand,
mich aufgehoben vom Straßenrand.
Und nun soll ich hier verschmachtend ermatten?
Schick mir doch bitte mehr Schatten!"

  Und horch! Da sprudelt es silberhell
von oben wie rieselndes Rauschen.
Und stille hält er zu lauschen.
Und sieh! Aus dem Himmel geschwätzig, schnell,
tropft murmelnd hervor ein lebendiger Quell.
Ein Schauer fällt auf ihn nieder
und erfrischet die brennenden Glieder.

  Dieser Lichtblick entlockt ihm ein letztes Müh'n.
Er fliegt vorbei an glänzenden Wiesen,
wie einen Pfeil sieht man ihn schießen.
Zwei Wanderer sieht er nicht über die Straße zieh'n,
die können gerade noch flieh'n.
Er hört sie von Ferne noch sagen:
"Der Alte fährt sich um Kopf und um Kragen."

  Und die Angst beflügelt den tretenden Fuß.
Ihn jagen der Sorge Qualen.
Da sieht er schon den Tennisplatz strahlen.
Er überquert die Traun, den reißenden Fluss,
Entgegen kommt ihm der Bozei, der auch sonntags arbeiten muss,
des Platzes redlichen Hüter,
der erkennet den Engei kaum wieder.

  "Du Wahnsinniga, hoit di denn gar nichts mehr!
Du fährst ja wie um dein Leben.
Der Anton, den letzten Satz erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet' er
mit hoffender Seele der Wiederkehr.
Durch Zufall konnt' er drei Asse abstauben,
doch jetzt verliert er langsam den Glauben."

  "Es ist noch nicht zu spät trotz meiner Gicht.
Ich werde als Boris erscheinen
und mich im Doppel mit ihm vereinen.
Des rühme der wütende Schinzei sich nicht,
dass ein Engei seine Zusage bricht.
Schaff' mir meine Turnschuh' herbei!
Ich steh' dem Anton gleich bei."

  Die Sonne im Mittag, schon steht er am Netz,
das die Menge gaffend umstehet,
den Schläger zum Zerschmettern erhöhet.
Punkt für Punkt zieht er den Freund nun empor,
schlenzt noch mit Rückhand die schwierigsten Bälle hervor.
"Zum Henker!" ruft der Schinzei schon am Verzagen.
"Kann dich denn gar niemand schlagen?"

  Und Erstaunen ergreifet nach dem Siege das Volk umher.
In den Armen liegen sich beide
und weinen vor Kreuzschmerz' und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer.
Auch der Schinzei kommt ganz verdattert daher.
Er fühlt ein menschliches Rühren
und will ein Freibier spendieren.

  Er blicktet sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: "Es ist euch gelungen,
ihr habt mich im Tennis bezwungen.
Hans, dein Kampfgeist ist doch kein leerer Wahn.
So nehmt auch mich als Haub'ntaucher an.
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
in eurer Rangliste wenigstens der Dritte."

9.03.2018    



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© WolfgangJohannesWelk ( wjw@reimquelle.de )

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