Tempeltage (Luk.2)


Nach Zion zieht man sich hinauf
an Gebetsriemen und Spruchbändern
vorbei an Psalmoasen und Schriftstellen
das Herz jubelvoll, der Sinn geeint,
geführt zu Stillwasserquellen.

  Vom Bach am Weg trinkt man
Freudenlieder erhobenen Hauptes.
Dort die Weiden noch lautenlos im Reigen
durchrauscht mit Lobwind.
Tränentrocken steht bogenbunt Abrahams Segen.

  Man hebt die Augen hinauf zu den Bergen.
Im Abendrot schimmert schon
lichtumkränzt das Torgold Jerusalems
erwartungsmächtig herab auf die Pilgerschar
endlos gesetzergeben
Jota um Jahr.

  Ach, mögen die Mauern Jerusalems niemals wanken,
alle Frevelfeinde im Tempeltor bestürzt werden!
Preisend führt man das Wort im Mund
und an der Hand
zwölfjährig, noch unerkannt,
menschenverstaltet, wortgewandt.

  Brandopfer bahnen sich Wege zum Himmel.
Tempeltaler verwechseln sich
im Menschengewimmel zu Taubenvieh.
Hoch über allem thront fest verhüllt
in Stoff und Stein
reines Licht aus wahrem Sein
ungedeutet gegenwärtig,
unnahbar im Allallein.

  Lade und Leuchte dort
verdanken sich dem hellen Schein.
Der Cherub senkt verschämt den Blick,
der Sünder weicht verstaunt zurück,
Priester opfern Stück für Glück
dem Geistwort Vater dort
im Innersten
unerreicht und unberührt.

  Das Fleischwort angreifbar
findet sich am dritten Tag
der Lehre lauschend lang im Tempelrund.
Von langer Hand tut man ihm kund,
was kein Menschengeist zu fassen mag.
Unverstanden, viel verhört
verstört's mit Vollmacht
Schriftbewährte aus dem alten Bund,
beschmerzt spricht selbst Marias Mund.

  Wie kommt es, dass ihr dies nicht wisst:
Der Sohn muss sein, in dem was seines Vater ist.
Das Logoslicht kann sich im Fleisch nur schenken,
wenn Vaterliebe ihm
unaufhörlich Sein und Sinne tränken
eingeboren opfervoll,
liebestoll, selbstverloren.

  Noch ergreift ihr's nicht!
Ihr seht nur euer Mühen,
eurer Lage Plage.
Jedoch, es naht ein neuer dritter Tag.
An dem tritt Totgeglaubtes neu zu Tage
und mit ihm auch des Geistes Licht
unverhüllt geeint und wahr.
Befreit von Stoff und Stein
wird des Vaters tiefstes Wesen
im Menschensohn euch offenbar.
Bis dahin will getreu ich
immer mit euch ziehen.

4.06.2012    



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© WolfgangJohannesWelk ( wjw@reimquelle.de )

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