Jerusalem, du liegst im Schatten


Jerusalem, du liegst im Schatten.
Die Sonne lässt dich unerhört.
Dein Kidrontal liegt ausgedörrt
und aus dem Hinnon strömen Ratten
ungezählt in Zion ein.

  Jerusalem, wie wankt dein Wall.
Die Mauern liegen wild zerbrochen.
Im Dünkel wird jäh eingestochen
mit Meißel im Fanfarenschall
selbst noch auf den losen Stein.

  Jerusalem, deinen Tempel füllen Flammen.
Wut durchglüht ihn bitterrot.
Im Heiligtum regiert der Tod
und bereits in's Nikanortor rammen
Lanzen sich im Loderschein.

  Jerusalem, geängstigt harren deine Streiter
im Heldenvorhof zitternd aus.
Stoß um Stoß zernagt das Haus
und immer tiefer immer weiter
mäht das Schwert im Menschenhain.

  Jerusalem, hilflos steigt dein Rauch zum Himmel.
Nur ein wallend' Tuch schützt noch die hohe Kammer.
Die Opferstätte trieft vor Blut und Jammer
und aus dem wilden Kampfgewimmel
dringt der Priester Schmerzensschrei.

  Jerusalem, so ganz vom Feind durchstellt,
zerbrochen liegen Klinge dir und Schaft.
Am Vorhang zerrt der Feind mit aller Kraft,
um zu entweihen was zum Heil bestellt.
Mit ihm grinst hämisch Bruder Kain.

  Jerusalem, vollkommen deiner selbst beraubt
pocht rasend noch das Herz in deiner Hand.
Verzweiflung taucht es in des Altars heil'gen Brand
und noch bevor die Rotte siegend schnaubt,
durchschlägt die Nacht ein heller Schein.

  Jerusalem, der Feind zerflieht im hellen Licht.
Und eine Stimme dringt von innen her:
"Nicht durch der Menschen Kraft und Heer,
sondern im Geist, der wirkend spricht,
darfst Zion, du, auf ewig sein."

26.03.2018    



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© WolfgangJohannesWelk ( wjw@reimquelle.de )

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