Vom Nikolaus



Tief im Wald... wartet der Nikolaus in seinem Häuschen – oder besser: Er ist schon fast aus dem Häuschen, da er gerne anfangen würde, die Kinder zu beschenken. Doch Knecht Rupprecht, der noch Dinge besorgen sollte, lässt mit dem Rentier-Schlitten unerträglich lange auf sich warten. Als ihm dann noch ein Malheur passiert, nötig dies dem weisen Mann mehr Geduld ab, als er selbst aufzubringen vermag. Am Ende aber geht es in der weißen Winterpracht doch noch gemeinsam ab zu den Kindern.

  Tief im Wald, der Tief verschneit,
in dem ein Rehlein einsam schreit,
wo ein Uhu traurig kauzt,
wo der Fuchs den Has' anschnautzt,
ruht dort unter'm schneebedeckten Wipfel,
oben auf des Berges Gipfel,
ein kleines, windverwehtes Haus
und darin wohnt der Nikolaus.

  Sterne strahlen silber-glänzend,
funkeln über'n Schnee wie tänzelnd.
Wind verbiegt den Schornsteinqualm
und Nikolaus liest einen Psalm.
Mitten in der wohlig warmen Stube
sitzt der rotbedresste Bube,
sein Bart so weiß wie Pulverschnee,
frisch gefärbt von einer Fee.
Verstört schlägt er die Bibel zu,
denn er findet keine Ruh'.

  Unruhig geht er hin und her,
seine Schritte dröhnen schwer.
Dann blicket er mit sorgenvoller Miene
auf die Uhr dort über dem Kamine,
sieht wie schnell die Zeit die Zeiger treibt.
Wo Knecht Rupprecht nur so lange bleibt?
Er wollt' doch um fünf Uhr kommen!
Nikolaus wird ganz benommen,
wenn er an all die Kinder denkt,
die so gerne er beschenkt.

  Ist Rupprecht noch im Wald und schneidet Ruten?
Dann soll er sich gefälligst sputen!
Denn wie jeder heute weiß,
sind Nikoläuse auf's Schenken ziemlich heiß.
Dort hinten steht auch schon der große Sack
mit dem vielen Schabernack.
Ringeln, Rasseln grosse, kleine,
Mandeln, Nüsse, Datteln feine,
alles das hält er bereit.
Nur Knecht Ruprecht lässt sich Zeit.
Draußen pfeift der Wind um's Haus.
Gar wütend wird der Nikolaus.

  Horch, klangen da nicht helle Schellen
aus des Waldes fernen Stellen.
Schnell den Sack hinaus zum Ross.
"RUMPS", da fällt die Tür in's Schloss.
Kalt und eisig glänzt der Firn.
Schaudernd fährt's ihm durch die Stirn
und es wird ihm völlig klar,
dass alles nur ein Trugschluss war.

  Stille steht der schwarze Wald
und Nikolaus wird's ziemlich kalt.
Auf seine Mütze legt sich schon der Reif,
auch seine Finger werden steif.
Fragend sieht der sich dann um:
"Hier zu steh'n und frier'n ist dumm!"

  Ihm fällt's dann ein trotz all dem Jammer:
"Das Fenster hin zur Speisekammer
ist nicht zu, nur angelehnt."
Und da er sich nach Wärme sehnt,
macht er sich sogleich daran,
zwängt sich hindurch, so gut er kann.

  Stöhnend presst er sich nach innen,
fast sind erreicht der Burges Zinnen.
Da bleibt vom vielen Drängen
sein hint'res Teil ganz plötzlich hängen.
'S geht nicht hinein, 's geht nicht hinaus.
"Oh Rupprecht, komm du mir nach Haus!"

  Endlich ist es dann vollbracht.
Verlassen ist die finst're Nacht.
So tappt er tastend durch den dunklen Raum.
Fast ist es wie in einem bösen Traum,
als er über diesen Eimer fällt,
der ihm mit Absicht in den Weg gestellt.

  Salamis, Käse, Kuchen, Torten,
all das, was Nikoläuse halt so horten,
stürzt nun über ihn herein.
"Das muss die Strafe Gottes sein."
Wie riecht der Honig doch apart,
doch klebt er zäh in seinem Bart.
Mühsam richtet er sich wieder hin
und fegt den Senf von seinem Kinn.
Draußen pfeift der Wind sein Lied
und Nik'las fühlt sich sehr sehr müd'.

  Nachdem er sich befreit von all den Sachen,
die ihn sonst nur hungrig machen,
hat er innerlich schon fest beschlossen:
"Knecht Rupprecht wird sofort erschossen."
Mutlos fällt er in den Sessel.
Starr blickt er auf den Wasserkessel
über des Feuers milder Glut. Doch in ihm kocht nur heiße Wut.
Was der Chef so gut bedacht,
hat der Knecht kaputt gemacht.

  Und schon wartet er mit Ungeduld
auf Rupprecht, der an allem Schuld.
Immer grösser wird sein Groll.
"Rupp' kriegt mit recht die Hucke voll."
Da, von weit ertönt die helle Bimmel ...
"Ha, ha, du böser Knecht, nun Gnade dir der Himmel!"
Schon stürzt er auf mit wildem Grimmen,
um den Rupprecht zu vertrimmen.

  Sieht gleich darauf am Sims die Bibel liegen...
"Nein, der Teufel soll nicht siegen",
wabert's hinter Zornesfalten.
"Ich will nur noch kurz innehalten."
Er nimmt das Büchlein in die Hand
und leset dort vom wunderbaren Land,
das all denen ist versprochen,
die nicht von Zorn und Groll zerbrochen,
die sich auf den Herrn verlassen,
die sich lieben und nicht hassen.

  Sogleich kehrt Frieden in sein Herz zurück.
Auf tuet sich das Tor zum Glück.
Wo soviel Jubel eingeschrieben ist,
bleibt nichts mehr öde, nichts mehr trist.
Schnell springt er auf hinaus zum Tor,
die prächt'gen Schimmel steh'n davor
und oben auf dem hohen Bock,
sitzt Rupprecht mit dem schwarzen Rock.
"Sorry Chef, ich wurde aufgehalten.
Am Highway gab es Gletscherspalten."

  "He Rupprecht, du bist ja schon hier,
gib die Sporen deinem Tier.
Es soll uns zu den Kindern tragen.
Die warten schon seit vielen Tagen."
Rupprecht lässt die Peitsche knallen.
Weit hinaus ertönt das Schallen.
Es wirbelt auf der weiße Schnee
und Nik'las schreit: "JUHE JUHE !!!"
Fröhlich winken ihnen noch die Sterne
weithin nach bis in die Ferne.

  So freut sich denn Andrea, Jessi, Toni,
Herschel, Michi, Jens und Klaus,
denn bald schon kommt der NIKOLAUS!!!

5.12.1987    



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© WolfgangJohannesWelk ( wjw@reimquelle.de )

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