Plasmaphobie


In Garching steht ein Divertor.
Die Sandra ließ es bauen.
Denn, beim Eintritt in die heil'gen Gauen
konnte sie dem Frank nicht mehr vertrauen.
Seitdem, wenn er verschmutzt von der Motorradreise
heimkehrt heimlich still und leise,
säubert ihn die Magnetschleuse
von allen schwerem Überfluss
und saugt, was unrein unter dem Verschluss,
mit Vakuum ab in eine Heliumtasche
und hinterlässt nur fusionierte Asche.
So schwinden die Gespinste und die schmutzigen Ionen
und er darf wieder bei ihr wohnen.

  Natürlich ist der Spass nicht billig.
Doch Frank gestattet es ihr willig.
Den schließlich ist es der Beweis,
dass der ASDEX und sein Preis
durchaus für die Praxis taugen,
auch wenn sie Löcher in die Börse saugen.
Klar, man setzt es ab dann von der Steuer,
und wär' das Wolfram nicht so teuer
dächte man am Ende schon
an eine Massenproduktion.

  Ob der Größe und der schweren Platten
meinten die Nachbarn: "Die Nachbarn haben einen Schatten."
Denn trat der Frank zu stark verschmutzt ins Haus,
dann gingen überall die Lichter aus.
Ja, mit seinem Reinheitsgrad war nicht zu spaßen.
Er forderte das Stromwerk über alle Maßen.
Um abzuhelfen, legte es zwei neue Starkstromstrecken,
nur um ihren Strombedarf zu decken.
Seitdem ist nun der Mann perfekt gereinigt
und man ist wieder gern mit ihm vereinigt.

  Natürlich, man kann es sich ja denken,
wollte man sich auf das Divertor alleine nicht beschränken.
Denn mit einem ganzen Tokamak-Szenario kann man nicht nur Strom verschwenden.
Man kann es auch zum Heizen gut verwenden.
Das hat den Frank doch sehr gereizt.
So kommt es, dass er jetzt mit Plasma heizt,
auch Umweltschutz war noch ein Faktor
für den kleinen Kernfusionsreaktor,
der im Keller jetzt pulsiert
und dank dem, die Sandra nicht mehr friert.

  Anfangs gab es Diskussionen
welche Plasmaheizung würd' sich lohnen.
Als Mann hätte Frank gern Teilchen eingeschossen,
das vertrat er ganz entschlossen.
Diese seien nicht geladen
und könnten daher auch nicht schaden,
sehr preiswert sei dadurch das Baden.

  Sandra dagegen meinte: "Du solltest dir das überlegen,
auch Mikrowellen haben ihren Segen.
Sie sind einfach zu erzeugen,
lassen sich in hohlen Leitern einfach beugen
und führen sanft und ohne Firlefanz
den Plasmastrom zur Resonanz.
Der so erzeugte Stoßeffekt
erhitzt das Plasma ganz perfekt."
"Gut", erwidert Frank, "das Ganze lässt sich optimieren,
wenn wir das Plasma magnetisch nochmals komprimieren.
Das wird so heiß, darauf kannst du pochen,
wir können baden und dazu noch Eier kochen."

  Sandra hat das Kochen überzeugt,
auch wenn sie kritisch noch beäugt,
was da im Keller brodelnd brennt,
zumal sie den Brennstoff gar nicht kennt.
Hin und wieder spricht sie: "Frank sei doch mal ehrlich,
ist die Sache nicht gefährlich.
Ich habe durchaus schon Bedenken,
wenn die Kollegen dir zum Geburtstag
einen Geigerzähler schenken."

  Oder wieso finde ich in deiner Hosentasche
hin und wieder eine Flasche.
Da steht TD-Pellets drauf
das regt mich doch dann ziemlich auf.
Vor allem wenn der Geigerzähler schellt,
wenn man das Fläschchen vor ihn stellt.
Der Frank spricht ruhig ganz ohne Reizung:
"Wieso? Viele haben eine Pelletheizung.
Lass den Geiger einfach zählen,
darob musst du dich gar nicht quälen."

  "Ertast' ich nochmal solche Flaschen
tief in deinen Hosentaschen,
dann werd' ich dir damit die Haare waschen",
meint die Sandra not amused.
"Pass bloß auf was du da tust.
Zudem Desiree hat sich beschwert,
die im Badezimmer gern verkehrt,
dass dieses nicht mehr zweckbestimmt,
weil dort die Forschung zu viel Platz einnimmt.
Außerdem erlaubt sie sich zu sagen,
dass in der Badewanne schon seit Tagen
eine kochend heiße Spule schwimmt,
aus der aus hundert langen Drähten
Ströme fließen zu den Messgeräten.

  Auch die vielen Blätter auf den Boden und den Wänden
vollgeschmiert mit Zahlen ohne Enden
und die Symbole ohne Gleichen
kann mein Verstand nicht mehr erreichen.
Nur EUTERPE konnte ich dem Wust entringen.
Frank, ich hoffe, du erfreust dich nicht an fremden Musendingen!
Beginnst du deine Lust bei anderen zu stillen,
dann werd' ich nicht mehr für dich grillen.
Ich weiß, du träumst vom Nobelpreis und solchen Sachen,
vorher aber solltest du im Badezimmer Ordnung machen."
Frank meint kein bisschen schuldbewusst:
"Hätte ich doch nur gewusst,
dass euch die Physik so derart irritiert,
ich hätte uns're Heizung im Keller unten optimiert."

  "Jetzt, Mama, lass dem Papa doch sein Werken",
meint Dorina. "Man muss ihn doch darin bestärken.
Vielleicht kann er die Turbulenzen doch noch perfekt simulieren,
dafür muss man halt rumprobieren.
Und den Nobelpreis, in allen Ehren,
den darfst du ihm per se doch nicht verwehren.
Nebenbei, EUTERPE ist doch nur ein Algorithmus,
der durch Monte Carlo immer mit muss.
Damit lässt sich das nicht so lineare Turbulieren
eines Gyroteilches simulieren.

  Mama, weißt du schon,
die Plasmateilchen fluktuieren in der 6. Dimension.
Simuliert man das Gyrieren,
muss man auf fünf Dimensionen reduzieren.
Diese Reduktion führt nur dann zu einem guten Ende,
wenn die Schwankungen in H und E viel weniger behände
als die Zeit der Gyration
von Ion oder Elektron.
Stell dir einfach vor, die ganze wilde Schwingerei
ist nur ein Ring aus einem Teilchenbrei.
Der lässt sich numerisch gut dressieren und begrenzen
und muss am Ende mit gelöster Gleichung glänzen".
Denn wenn man weiß, wohin all die Teilchen hypothetisch driften,
kann man mit proaktivem Delta H und E wieder Ordnung in dem Chaos stiften."

  "Sehr gut mein Kind", meint Papa stolz.
"Wir beide sind doch aus dem selben Holz.
Erwähnt sei noch, damit die Sache auch gut endet,
eine Delta-f-Methode wird vom Code verwendet.
Die reduziert das Rauschen mehr als leidlich,
was bei solchen Methoden unvermeidlich.
Auch sind Feldgleichungen für das elektrostatische Potential
genau betrachtet nicht trivial."

  "Obendrein wird damit noch das Vektorpotential im Äther
mittels B-Splines noch diskreter
iter-ativ und perfekt parallel gelöst,
was bei manchen auf Verwund'rung stößt.
Ja, die Verwendung von 'domain de-composition'
kennt selbst die Dorina schon.
Obendrein führt im Code schon seit geraumer Zeit
'cloning von domains' zur besseren Skalierbarkeit."

  "Aha", meint Sandra, das ist ja interessant,
das war mir so noch nicht bekannt.
Ihr habt den Streuoperator noch vergessen.
Mit dem kann man Stöße simulieren und vermessen.
Das alles aber ändert aber nichts im Badezimmer.
Der Zustand dort wird immer schlimmer.
Jetzt wird da sofort aufgeräumt,
sonst ist das Fusionieren ausgeträumt."

  "Ich brauche jetzt ein Quantum Trost",
meint der Frank ganz leicht erbost,
"oder zumindest eine Tafel Schokolade.
Wieso dieses Ungemach, wenn ich in meinem Wissen bade?"
Da läutet "klingeling" das Telefon in seiner Weste
und mit gebieterischer Geste
fordert er zum Schweigen auf und hebt ab.
"No, it's me.
Nice to hear. Yes, I agree.
No, at once, now, not then.
I'm shure, Yes, I can."
Er hebt ab und legt dann auf.
"My Ladys, die Sache nimmt jetzt ihren Lauf.
Das war die UC in L und A,
wir ziehen nach Amerika."

  Da bricht der Jubel allseits aus.
"Juhu", meint Desiree, "wir verlassen dieses Haus,
das kein gescheites Badezimmer hat
und ziehen in die große Amistadt.
Cool, dort bekomm' ich einen Pool
und fühl' mich darin pudelwool (na, der Reim ist mir durchgerutscht).
Sandra sieht im Geiste lächelnd nur
sanft grüne Hügel und Natur.
Nur Dorina hört man leise wimmern:
"Wer wird sich um das Plasma kümmern,
das dann im Reaktor einsam kreist,
wenn das ganze Haus verwaist?"

  "Keine Angst", sagt Frank, "ich werde alles regeln.
Ihr bleibt hier, ich muss schon mal rübersegeln.
Derweilen könnt ihr weiter träumen
und nebenbei das Haus aufräumen.
In zwei Wochen, wenn ich wiederkehre,
verlassen wir die deutsche Schwere."
Schon ist er durch die Tür und durch das Divertor.
Sandra kommt es wie ein Wunder vor.
Es scheint als würden sich die Turbulenzen um Ionen
am Ende doch für alle lohnen.

  Ja, lieber Frank, so könnte man noch weiterdichten
und dein Leben mehr beleuchten und belichten.
Ich will's jetzt mal dabei belassen.
So richtig kann man dich ja doch nicht fassen.
Ein Menschenwort trifft niemals ganz des Menschen Kern,
der bleibt verborgen in Jesus Christus unserm Herrn.
Dir wünsche ich noch mehr Erkenntnis für das Schöne und das Wahre
und laminare Turbulenzen für die nächsten 50 Jahre.

11.11.2018    



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© WolfgangJohannesWelk ( wjw@reimquelle.de )

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