Identität


Wir alle brauchen Identität.
Wer keine besitzt, nach dem kräht
keine Henne, kein Hahn,
für den kommt alles zu spät,
ist alles vergebens.
Sie ist unser verlorener Schatz,
der verwunschene Quell unsres Lebens.
Sie ist das Ziel alles fragenden Suchens,
ihr Fehlen, der Grund alles Tötens und Fluchens.

  Wer keine besitzt, nach dem kräht kein Hahn.
Darum schickt man sich an
angstvoll und eitel
im babylonischen Wahn
bereits schon in frühesten Lenzen
die eigene Stadt,
das Ich zu umgrenzen,
fängt an mit undurchweichlichen Wällen
allem Fremden den Weg zu verstellen.

  Das feindliche Draußen gedenkt man zu kennen,
kann vom wachenden Turm alles Übel benennen.
Alles andere dort ist mir böse gesinnt.
Dagegen hilft nur ein scheidendes Trennen.
So findet man sich ausgehend vom Nein,
so zieht auch über das, was man nicht ist,
Identisches ein
aber stets mit wehrendem Sprechen,
aus Angst, der Wall könnte brechen.

  Wie kann man dieses Scheidende wenden,
die sichernde Seinssicht beenden?
Soll man sich völlig entgrenzen?
Vielleicht gilt's den Blick hin zu senden
in die Straßen und Kerker der eigenen Stadt.
Findet nicht dort im Verborgenen,
schon seit langem ein Bruderkrieg statt
mit grausigem Schlachten und schleichendem Tod,
mit rauschigen Festen und hungernder Not?

  Fangen wir an, unsere Stadt zu befrieden!
Begegnen wir dem, was wir bisher gemieden
aus Scham und verachtendem Mut!
Ein schenkender Blick auf das arme Hienieden
macht vieles Gebrochne wieder gesund
und beschämt die tobenden Toren.
Sodann hebt sich die Stadt aus morastigem Grund
und schwingt sich befreit zum Himmel empor
sich findend im kommenden Du
am zerbrochenem Tor.

25.03.2018    



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© WolfgangJohannesWelk ( wjw@reimquelle.de )

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