Birne Helene



Dies ist die Geschichte der blinden Kuh Helene und ihr tragisches Ende vor dem Hintergrund ungestümer, männlicher Begierde. Zudem erfährt man die wahren Hintergründe über die Entstehung der wohl berühmtesten Birnendesserts der Welt.

  Eine Kuh, Helene war ihr Name,
war eine sture Rindviehdame.
Anstatt auf satten Wiesen sich zu weiden,
tat sie, was and're Kühe tunlichst meiden.
Sie liebte es allein zu speisen
mitten auf des Schnellzugs Gleisen.
Erschwerend kam dann noch hinzu,
Helene war ne blinde Kuh.

  Da half kein Bitten und kein Flehen,
schon morgens musste sie oben auf dem Bahndamm stehen.
Dort fraß sie Halme auf der Stelle,
an der es stark nach Salmiak roch.
"Gewürz ist doch der beste Koch",
schmatzte sie und bimmelte mit ihrer Schelle.
So stand sie täglich auf der Schwelle...
Verbot man ihr's, tat sie es doch.
Sie war so stolz und unverfroren
und blieb doch immer ungeschoren
dank ihrer unerhörten Ohren.

 
Bild: picKuh01 (Quelle: pixabay.com)

Selbst aus weiter Ferne konnte sie das Zittern
eines jeden Zugs erwittern.
Durch sein Rasseln und sein Hallen
kam ihr Blut so recht ins Wallen.
Erst wenn die Hupen heulend pfiffen,
die Backen auf den Scheiben schliffen,
Funken aus den Eisen krachten,
und man schon dachte: Jetzt geht sie hin zum Schlachten...
Dann hat sie flink die Flucht ergriffen,
sprang blitzschnell so wie unter Drogen
vom Bahndamm ab in hohem Bogen.
Dies Spiel trieb sie schon viele Jahre,
Dem Bauern Heide schwanden davon alle Haare.
War Helene doch seit langer Zeit
sein schönste Rindvieh weit und breit.

  Doch solch übler Übermut geht selten lange gut.
Drum hört, welch schlimmes Schicksal nur
Helene dann im letzten Jahr erfuhr:

  Im Frühling war's, der Flieder trieb die schönsten Spitzen.
Von Ferne sah man die Helene hoch oben auf dem Bahndamm sitzen
und mit allen Sinnen den und diesen
Grashalm mit IC-Zuschlag genießen.
Da kam ein Stier mit prächtigem Gemächte.
Der sah die Kuh und dachte, was die sich dabei dächte,
sich auf die harten Eisenschwellen
so todesmutig hinzustellen.
Er konnt' es nicht für sich erhellen,
dafür begann's an ihm zu schwellen,
als sie mit prallen, roten Lippen
anfing, an saftig steifen Stielen rum zu nippen.
Dies war für ihn extrem erregend.
So sprach er denn sich langsam auf sie zubewegend:

 
Bild: Stier01 (Quelle: pixabay.com)

"Oh holde Maid, spürst du's nicht auch in deinem Busen?
Amor und Venus wollen schmusen, sich begegnen,
mit ihrem Liebesspiel uns reichlich segnen.
Komm, lass sie sich zueinander neigen,
mein Amor will sich deiner Venus zeigen."
Und nach einer kurzen Pause
fährt er fort mit seiner Flause:
"Gern, meine Kuh, würd' ich dich lieben ...
Jedoch in einem Gleisbett hab ich es noch nie getrieben.
Steig doch herab zu mir, hier unten kann ich sicher schieben.

  War da was? Welche Memme macht hier solche Minne?
Helene hielt vom Grasen inne,
erforschte sich und ihre Sinne
und sprach dann mit gelassner Stimme:
"Mein lieber Stier, das eine sag ich dir.
Entweder kommst du hier und auf der Schwelle
oder du rückst mir nie wieder auf die Pelle.

  Der Stier sann nach für einen Augenblick.
Der Preis war hoch für so ein kurzes Glück.
Was wenn, dachte er bei sich,
der Schnellzug schneller kommt als ich?
Der Gedanke war ihm nicht geheuer,
Helenes Liebesspiel schien ihm zu teuer.
So zog er ab und muhte ihr noch zu:
"Helene, du bist eine blöde Kuh."

  Helene platzte da der Kragen:
"Wie kann der doofe Ochse so was sagen.
Wir sind hier nicht am Straßenstrich!
Nur weil er sagt – "Ich liebe dich!" –
müsst' ich mich von der Schwelle schwingen ...
Da unten, meint er, kann er besser springen...
Nur, ob mich dies dann auch erregt,
darauf wird kein Wert gelegt."

  So dachte sie bei sich im Zorn,
stampfte einen Schritt nach vorn,
tat einen zweiten grade aus
und brüllte ihren Frust hinaus.
Sie schallt die rüde Manneskraft,
die vorschnell nichts als Leiden schafft,
nur eines will voll unsensibel
und danach, ja das ist das größte Übel,
wortlos in sich selbst erschlafft
und der Gefühle Lügen straft.

 
Bild: Eisenbahnbruecke01 (Quelle: pixabay.com)

Sie rannte so den Schienenstrang
in blinder Wut noch lang entlang.
Schließlich hielt sie wieder inne,
der Lauf beruhigte ihre Sinne
und ihr Rasen.
Als aller Zorn dann weggeblasen,
fing sie wieder an zu grasen
in gelassener Manier.
Vergessen war der steile Stier.
Stramme Stengel gab's auch hier.

  Plötzlich ließen wohl bekannte Wellen
ihren Kopf nach oben schellen!
Nein, nein keineswegs war es ein Trug,
es kam tatsächlich schon der Zug.
Helene liebte diese Phase,
dies kurze Vorspiel trieb sie in Ekstase.
Als das Stahlpferd nicht mehr weit,
machte sie sich sprungbereit.
Noch ein kurzer Augenblick,
dann sprang sie, ja das war ihr höchstes Glück.

  Sie genoss den Flug den blinden,
bald würden Sinn und Hufe wieder Haftung finden.
Zum Landen schlug sie alle Viere von sich fort,
doch leider kam kein sichrer Ort.
Helene konnt' dies nicht begründen,
bisher war noch immer Halt zu finden.
Doch Blindheit hat so manche Tücke.
Warum sonst sprang sie von dieser hohen Eisenbrücke
tief hinab in eine steile Schlucht...
und landet noch mit voller Wucht
in einem Birnbaum schwer verletzt.
"Der geile Stier hat mich in den Tod gehetzt",
dachte, bevor sie aufschlug, noch die blinde Kuh
und schlug gleich darauf ... die Augen zu.

 
Bild: birnbaum01 (Quelle: pixabay.com)


Bauer Heide plagen große Sorgen,
die Kuh ging ab schon seit dem Morgen.
So fährt er ab mit seinem Trecker
alle Wiesen, alle Äcker
den ganzen Tag bis tief ins ferne Abendrot.
Der Bauer ist in arger Not.
Genau so groß ist seine Wut
auf eine Kuh die immer tut,
was ihr beliebt weil's ihr bequem
und weil's gerade angenehm.
Wie konnte sie ihn so versetzen.
"Na warte, ich lass schon mal das Messer wetzen",
dachte er und gab den Trecker mächtig Sporen.
"Kühe sind doof und unverfroren".
Auch sein Enkel, den er mitgenommen,
ist vor Sorge ganz benommen.

 
Bild: Trecker01 (Quelle: pixabay.com)

Zu guter Letzt erreichen sie das tiefe Birnbaumtal.
Das lange Suchen wird zur Qual.
Abendnebel liegt schon in der Luft,
als sein Enkel plötzlich ruft
weit gebeugt über des Treckers harte Lehne:
"Opa, da oben kuck, Birne, Helene!"
Der gute Heide kann es gar nicht fassen.
Ihn auf diese Weise zu verlassen,
war ja wirklich allerhand.
Dank sei dem Enkel, dass man sie schließlich doch noch fand.

  Hoch oben sieht man sie nun prangen
wie zum Schlachten hingehangen.
Viel Halt am Hals und unten ohne,
über'm Kopf die Birnenkrone. Der Anblick war nicht zu ertragen.
Er schlug Heide auf den Magen.
Was soll ein braver Bauer dazu sagen,
wenn Bäume plötzlich Kühe tragen.
Ja, wie soll man seine Kuh am Birnbaum oben wähnen?!
Das war zu viel. Jetzt trieften ihm die Tränen
auf des Birnbaums hartes Holz.
Helene war sein ganzer Stolz!

  Jedoch nicht lange währt sein Zaudern.
Die Kälte ließ ihn zudem schaudern.
Heide war ein Mann der Tat.
Die Lösung hat er gleich parat.
Schon heult die Kette auf dem Sägeblatt
und man gibt's dem Birnbaum satt.
Der Ast an dem Helene flattert,
wird Span um Span mit scharfen Zähnen abgeknattert.
Als dann genügend abgetragen,
stürzt Kuh und Ast hinab zum Wagen,
der wiederum am Trecker hängt,
der wiederum dorthin gelenkt.
Krachend endet so der Flug,
welcher einst die Kuh zum Birnbaum trug.
Zudem prasseln Birnen ohne Zahl und Ruh
und decken die Helene zu.

  "Komm men Jung, wir woll'n det Dingen
mit Helene jetzt zu Ende bringen",
sagt der gute Bauersmann
und wirft seinen Trecker an.
So fährt man fort auf altbekannten Wegen,
um den Leichnam in die Heimat zu verlegen.

  Die Nacht ist kalt, die Sterne funkeln.
Man fährt fröstelnd fort im Dunkeln.
"Opa, sieh wie schön die Lichter blinken.
Ich glaub' Helene will als Stern uns winken."
"Sicher men Jung, die Kuh ist jetzt im Paradeis,
kann wieder seh'n und hat ein Gleis
mit Gräsern ganz für sich allein.
Kommt dann ein Zug, so kommt er nur zum Schein.
So wird sie immer glücklich sein."
Der Trecker tuckert weiter fort,
fern liegt noch der Heimatort.
"Ich wollt', es wär' der Himmel mein",
denkt sich das Kind und schläft drauf ein.
Als es blinzelnd neu erwacht,
hat sich der Tag schon fast entfacht.

  Natürlich war der Jammer groß,
zu Hause, als die Kuh so bloß
und regungslos am Hänger lag.
Ach, wie war's da allen arg.
Und ob all der vielen, vielen Birnen
sah man ein Runzeln auf den Stirnen.
Nur Knecht Hein war nicht sensibel:
"Det riecht schon, mir wird richtig übel.
Das Vieh muss schnellstens aus dem Haus",
rief er laut und spuckte aus.
"Ik ruf schon mal im Ort den Xaver,
der beseitigt den Kadaver
schnell und ohne viel Trara.
In zehn Minuten ist er da."
Bauer Heide war es recht,
denn ihm war auch schon ziemlich schlecht.

  Ach, der Anblick war ein elend Ding,
wie Helene dort am Greifer hing.
"Leb wohl Helene", schluckte Heide stumm,
"du warst so schön, doch auch so dumm."
Der Enkel meint: "Gleich ist die Helene wech",
da kracht's schon im Containerblech.
Der Motor brummt, es rasseln noch die Ketteneisen,
Helene geht zum letzten Mal auf Reisen,
zuerst zur Fleischfabrik und dann ganz auf ihre Weise
in einem Güterzug als Dosenfutter wieder auf die Gleise.

  Als des Lasters Lärm in der Ferne sich beendet,
ist jedes Haupt zum Boden hin gewendet.
"Helene ja, du wirst uns fehlen",
wie ein Kloß steckt's fest in allen Kehlen.
Dieses Euter, dieses Horn,
der zarte Huf, der heiße Sporn ...
und erst ihr unverwandter Blick.
Sie war des Landwirt's größtes Glück.
"Helene, ich will dich zurück!"

  Die Bauersfrau mit sorgenvoller Miene
sieht ihren Mann schon auf der Depri-Schiene.
Hier ist Handeln schnell gefragt
und so kommt es, dass Sie sagt:
"Kommt, wir geh'n hinein ins Haus,
da mach ich uns gleich den Leichenschmaus.
Mit Rinderherz und Hammelhirnen,
zum Nachtisch irgend etwas aus den Birnen.

  Dieser Vorschlag kann gefallen.
So kehrt das Licht zurück in ihrer Köpfe graue Hallen.
Kurzerhand geht sie zur Tat,
schält Kartoffeln, wäscht Salat.
Kreiert ganz heimlich still und leise
zum Schluss noch eine Birnenspeise.
Bald schon riecht man leck're Düfte deftig schleichen
im ganzen Haus zum Schmaus der Leichen.

  Ja, da wird viel aufgefahren
wie lange nicht seit vielen Jahren.
Viel Bier gibt's ohnehin zum Essen,
das hilft die blinde Kuh vergessen.
Knecht Hein leert seinen Krug auf einen Hieb
und meint: "Helene, ik hab dich jetzt wieder lieb."
Der Bauer meint schon halb im Lallen:
"Die Kuh hat mir so gut gefallen."
So verdrießt man mit Genuss
schließlich und endlich den Verdruss.

  Zu guter Letzt wird noch der Nachtisch aufgetragen,
ein Hochgenus für jeden Magen.
Frau Heide sei hier hoch gepriesen,
viel Kochkunst hat sie hier bewiesen.
Birnen, weichgekocht in Rübensaft,
ein Schokoladentuch darüber zärtlich hingerafft
in sanften Wellen,
Vanilleeis an vielen Stellen
heiß serviert in einer Schale,
das lässt die süßen Mäuler höher schnellen.

  In Stille wird das Kunststück nun verschnabuliert.
Niemand lässt dieses unberührt.
Und auch Bauer Heide spürt,
großes ist soeben hier geschehen.
So wankt er auf und spricht im Stehen:
"Einzigartig ist doch diese Birnenspeise
genau wie eine Kuh am Schnellzuggleise.
Helene, du warst eine Kuh wie keene.
Drum tauf ich diesen Nachtisch auch auf dich:
Birne Helene."

12.03.2013    



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