Mein kleiner Freund


Ich habe einen Freund im Ohr.
Es ist ein kleiner Mann.
Er heißt Herr Tinni.
Immer selt'ner kommt es vor,
dass ich ihn nicht hören kann.

  Stets ist er da, er liebt mich sehr.
Doch die Musik liebt er noch mehr.
Er spielt die Flöte und den Bass
in meinen horcherfüllten Hallen
von früh bis spät und ohne Unterlass
und meint, dies müsste mir gefallen.
Doch zu meinem Unglück muss ich sagen:
"Mit der Musik kann er mich jagen."

  Nein, nicht Vivaldi oder Bach,
auch keinen Ton von Grölemeyer
stimmt' er an.
Das empfinde ich als schwach.
Wann lässt er mal die Profis ran?
Immer nur die selbe Leier!
Und hab' ich manchmal Bock auf Rock,
weiß er es immer besser.
Sein Rhythmus ist der reinste Schock.
Er reizt mich bis auf's Messer.

  Am ärgsten aber ist die Nacht,
wenn alles ruht vom vielen Streben.
Dann, ja dann erwacht
Herr Tinni erst so recht zum Leben.
Mächtig greift er in die Tasten,
jagt die Töne im Akkord.
Mich treibt ihr Jaulen und ihr Hasten –
ein Händel würd' mich noch entlasten –
und schon lange denke ich an Mord.
Doch er fährt wie wild geworden unbeirrbar fort.

  Ach ich kann es nicht mehr hören:
"Hör'n Sie auf!", herrsch' ich ihn an.
Doch nichts und niemand kann ihn stören.
Er bringt sich hoch und mich zum Wahn.
Dieses Sirren, dieses Surren,
Jaulen, Pfeifen schrill und schrall –
wie wenn tausend Sägen schnurren,
als bade ich im Ultraschall.

  Wer kann diesen Wahnsinn stoppen?
Ständig ist Herr Tinni da.
Beim Gehen, Schlafen, selbst beim Poppen,
hört er nicht auf mit dem Trara.
Und sink' ich auch verzweifelt nieder,
falle flehend auf die Knie:
"Ruhe bitte, schweigen Sie!"
Doch unerbittlich immer, immer, immer wieder
pfeift er dieselbe Melodie.

  Schon sehne ich den Tod herbei,
dort wäre Ruhe ganz und gar,
lauter Friede, kein Geschrei.
"Doch was, wenn ich dem Leben nicht genüge war?",
spür' ich die Gedanken drängen.
"Dann lande ich im Fegefeuer,
diesem reinigrichtend Ort,
in seinen Flammen zehrend' Fängen."
Selbst dieses würde ich ertragen.
Doch nein, die Sache ist mir nicht geheuer.
Ganz sicher ist Herr Tinni dort
und heizt mir ein mit seinen Klängen.

  Was soll ich tun?
Kein ein noch aus wird mir geschenkt.
Mein Abklang muss ein anderer werden!
Was ist es, was mich ständig drängt,
mich stets in Tinni's Hörsaal zwängt?
Brauch' ich mehr Frieden hier auf Erden,
mehr Wasser, das den Brand versengt,
vielleicht in stillenden Gebärden,
das muttergleich mir wieder Ruhe schenkt?
Drum sage ich: "Herr Tinni, tu's!
Pfeif' auf mich, so lang du willst!
Ich werd' dich lieben trotz Verdruss,
bis niemand hier mehr pfeifen muss!"

3.09.2015    



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© WolfgangJohannesWelk ( wjw@reimquelle.de )

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